Die ausgebremste Digitalisierung

Die Digitalisierung erfasst eine Branche nach der anderen und wirbelt sie mächtig durcheinander. Die Finanzbranche ist dabei keine Ausnahme, sondern vielmehr ziemlich weit vorn dabei. Die großen Innovatoren sind dabei allerdings nicht die traditionellen Banken, sondern ein großer Schwarm flinker Fintech-Startups – und eine handvoll internationaler Internetkonzerne. Die Banken schauen ziemlich zögerlich vom Spielfeldrand zu. Warum eigentlich?

Die Digitalisierung als Megatrend

In den Vorstandsetagen der Banken gab es in den letzten 10 Jahren eine Menge Themen, die nach Aufmerksamkeit geschrien haben. Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers ging es für viele erst ums nackte Überleben, anschließend sorgten Gesetzgeber und Zentralbanken für neue Arbeit. Mit immer neuer Regulatorik und Niedrig- oder gar Negativzinsen hatten die Banken im laufenden Geschäft mehr als genug um die Ohren. Das hat den Blick auf ein noch viel größeres Thema verdeckt: die Digitalisierung.

Das erweist sich immer mehr als große Hypothek. Die Regulatorik ist – zumindest in den USA – nach dem Amtsantritt von Donald Trump längst wieder in der Rückwärtsbewegung. Auch die Zinsen ziehen – ebenfalls ausgehend von den USA – langsam, aber sicher wieder an. Die Digitalisierung aber ist immer noch da und will auch nicht wieder weggehen. Die Digitalisierung erweist sich als Megatrend. Ein Megatrend, der die Branche nachhaltig verändert und das Potential hat, alte Champions auf die Bretter zu schicken.

Die Warnungen wurden ignoriert

Nun ist es nicht so, dass es keine Vorwarnungen gegeben hätte. Immerhin hat die Digitalisierung bereits in anderen Branchen ihre Opfer gefordert. Foto-Pionier Kodak wurde von den Digitalkameras überrascht. Printzeitungen wurden von kostenlosen Internetangeboten in die Knie gezwungen. Handy-Titan Nokia wurde vom Smartphone aus dem Olymp vertrieben. Und selbst in der Finanzbranche haben schon in den 1990er-Jahren die Online-Banken einen massiven Preiskampf vom Zaun gebrochen.

Man hätte also vorgewarnt sein können – oder gar müssen. Dennoch tun sich die Banken augenscheinlich schwer damit, über Online- und Mobile Banking hinaus zu denken. Für viele Bankvorstände ist das Thema Digitalisierung abgehakt: „Wir haben doch eine App!“. Dass Digitalisierung noch so viel mehr ist, scheint wenig zu interessieren. So enden vermeintliche Online-Antragsstrecken nach dem Klick im Frontend immer noch mit einer Mail an einen Sachbearbeiter, der die Daten dann über die „spanische Schnittstelle“ (Manuell) in das Kernbanksystem eingibt. Digitalisierte End-to-End-Prozesse sind weitgehend ein Fremdwort.

Suche nach den Ursachen

Doch warum ist das so? Immerhin war die Branche früher oft in der Vorreiterrolle. Geldautomaten seit Ende der 60er Jahre, Kontoauszugsdrucker Ende der 70er Jahre und Online Banking seit den 1990er-Jahren. Wobei der Fokus regelmäßig darauf lag, mit der Technik Kosten einzusparen. Ein tolles Kundenerlebnis stand nie wirklich im Vordergrund – anders als bei vielen Fintechs.

Meine aktuelle Umfrage in der Twitter-Community zu den Bremsern der Digitalisierung in den Banken ergibt kein eindeutiges Bild:

Umfrage Bremser Digitalisierung in Banken

Zusammengefasst könnte man sagen: von allem etwas. Eine Gemengelage, die es deutlich erschwert, die Situation zu verbessern. Denn es gibt nicht den einen Bremser. Die Hauptverantwortung wird allerdings bei den Banken selbst gesehen, wobei sich das Problem hier in verschiedene Teilaspekte aufteilt. Da wären zum einen veraltete Legacy-Systeme, an denen über Jahrzehnte angeflanscht wurde, bis das ganze Gebilde überkomplex wurde. Vielfach sind diese Monolithen wie ein Mühlstein, der die Banken komplett behindert. Daran herumzuschrauben, reicht vielfach nicht mehr. Ein Neuanfang auf der grünen Wiese mit einem komplett neuen Kernbanksystem erscheint der einzige Ausweg.

Das allerdings birgt für gewachsene Banken(-gruppen) mit Millionen Bestandskunden ein fast unkalkulierbares Risiko. Wer sich anschaut, wie viel bei der vergleichsweise kleinen Migration von N26 schiefgelaufen ist, kann sich vorstellen, warum Banken davor zurückschrecken. Hinzu kommt allerdings auch vielfach ein fehlendes Verständnis für die strategische Bedeutung der Digitalisierung. Die in der Branche vorherrschende Hierarchie und Seniorität – bisher eher ein Asset – rächt sich hier. Wer jahrzehntelang in der klassischen Finanzszene sozialisiert wurde, erkennt die Notwendigkeit des digitalen Changes nicht. Und wer als Vorstand vielleicht nur noch 10 Jahre bis zur Pension hat, ist eher geneigt, das Problem einfach auszusitzen.

Kunden und Gesetzgeber als weitere Bremser

Natürlich ist die Finanzbranche zudem ein, die sehr stark reguliert ist. Wer hier tiefgreifende Umbrüche einleiten will, findet sich in einem Labyrinth von Gesetzen und Verordnungen, die eher auf Stabilität denn auf Wandel ausgelegt sind. Ganz klar: in weniger regulierten Branchen kommen Revolutionen leichter daher. Das müssen langsam auch viele Fintechs einsehen, von denen viele zu Beginn deutlich leichtfüßiger daher kamen. Mittlerweile hat sich allerdings auch die Aufsicht sortiert und greift auch bei ihnen streng durch. Dennoch sind viele erfolgreiche Fintechs ein Positivbeispiel dafür, dass auch unter strenger Regulatorik eine Menge möglich ist.

Bleiben die deutschen Kunden, die dann doch irgendwie anders sind, als andere Kinder. Es hat halt schon seinen Grund, weshalb z.B. Apple mit seinem Payment-Dienst ApplePay auch Jahre nach dem Start einen großen Bogen um die große Industrienation Deutschland macht. „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.“, lautet ein bekanntes Sprichwort, dass die Deutschen perfekt beschreibt. Wo die Briten das kontaktlose Bezahlen schnell ins Herz geschlossen haben, warnen noch heute Fernsehsendungen und Verbraucherschützer mit einem gerüttelt Maß Halbwissen vor vermeintlichen Gefahren. Vom Mobile Payment per Smartphone, Smartwatch oder gar Implantat wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst anfangen.

GAFAs als große Gefahr

Und so tun sich selbst Fintechs hierzulande schwer, überhaupt eine nennenswerte Anzahl an Kunden für ihre innovativen Produkte zu finden. Spricht man mit Kennern der Szene, merkt man schnell, dass diese Skepsis nicht altersabhängig ist und vielfach selbst junge Kunden noch nicht einmal Online Banking nutzen. Und so bremsen sich Banken und Kunden gegenseitig aus. Was solange kein Problem wäre, wenn da nicht die großen Internet-Plattformen wären. Denn die ziehen immer stärker ins Banking (siehe meine Infografik) und schaffen Angebote, die dann doch vom Kunden angenommen werden. Und plötzlich sind die Banken außen vor. Schon allein, weil Amazon, Google und Co. in internationalen Sphären denken und nicht im deutschen Klein-Klein.

Die Digitalisierung bleibt also weiterhin die Großbaustelle der Banken – sind wir mal gespannt, wann sie endlich die Handbremse lösen und vorangehen. Oder ob sie enden wie Kodak, Nokia oder die Videotheken.

Was meint Ihr? Schaffen es die Banken doch noch, die Digitalisierung zu gestalten? Oder droht ihnen der Kodak-Moment? Schreibt mir Eure Meinung als Kommentar unter diesem Artikel.

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4 Comments

  1. Einige Banken werden es schaffen, einige nicht.

    Zum Bsp. die ING-DiBa zeigt ja im Moment, wie Bank die Digitalisierung angehen kann.

    Andere, v.a. die, die dezentral organisiert sind, sollten beschleunigen.
    Aber eben durch die dezentralen bzw. vielschichtigen Entscheidungswege sind schnelle durchgreifende Entscheidungen wie bei der ING schwierig und vielleicht klappt der Wandel dann eben doch nicht.

    Zum Glück für die Banken wechselt man eben seine Bankverbindung nicht so leicht wie seine Kamera oder sein Handy. Jedoch ist das wirklich Glück? Oder bräuchte es bald doch noch mehr spürbaren Handlungsdruck durch weglaufende Kunden?

    • Hallo Stefan,

      vielen Dank für Deine Gedanken zum Thema!

      Die ING-DiBa hat in den letzten Monaten tatsächlich einen großen Sprung nach vorne gemacht und hat damit viele große Player überholt. Wie erfolgreich das Lendico-Abenteuer wird, bleibt abzuwarten, aber die Kooperation mit Scalable Capital war auf jeden Fall wegweisend für die Branche.

  2. Pingback: Die ausebremste Digitalisierung |

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