Meinung – Bundesbank auf Irrwegen

Auf einer Vortragsveranstaltung an der Hochschule der Deutschen Bundesbank hat sich das Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank Carl-Ludwig Thiele in seiner Rede „Die Zukunft des Zahlungsverkehrs zwischen bar und virtuell“ auch zu den beiden Online-Payment-Verfahren der deutschen Banken, GiroPay und Paydirekt ausgelassen. Und was er da sagt, stößt in der Szene – zurecht – auf Verwunderung.

Was der Bundesbank-Vorstand sagt

In seiner langen und – für die vermeintlich so verstaubte Bundesbank – insgesamt ziemlich versierten Rede (hier in voller Länge / Kurzform im IT Finanzmagazin) berichtet Thiele richtigerweise darüber, dass Internetbezahlverfahren gegenüber den klassischen Bezahlverfahren wie Überweisung, Lastschrift und Kreditkarte in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben und nennt mit PayPal, SOFORT-Überweisung und GiroPay die bisher relevanten Player, die allesamt schon so lange am Markt sind, dass man sie im Zweifel gar nicht mehr als Fintech wahrnehme.

Im weiteren Verlauf seiner Rede lobt er Paydirekt als erfolgversprechendes und für den Kunden attraktives Verfahren und verweist zum Beweis dafür auf das besondere Sicherheitsversprechen des gemeinschaftliches Verfahrens der Deutschen Kreditwirtschaft. Als Verfahren der Banken unterliege es strenger Regulierung, die Zahlung erfolge direkt vom Bankkonto und es sei kein Dritter Dienstleister zwischengeschaltet, der Daten über das Zahlungsverhalten sammelt.

Zum Schluss ruft er die beteiligten Kreditinstitute dazu auf, sich auf ein Bezahlverfahren zu konzentrieren – und scheut sich auch nicht davor, mit Paydirekt den jüngsten Ansatz als Favoriten zu benennen. Die deutschen Banken sollten davon absehen, andere Verfahren wie GiroPay weiter zu entwickeln, um den Handel nicht zu verunsichern. Auch wenn am Markt Platz für mehrere Alternativen sei, sei eine breite Akzeptanz erfolgskritisch.

Nur Händlerunterstützung allein reicht nicht

Zunächst einmal muss man natürlich feststellen, dass Thiele richtig liegt, wenn er eine breite Händlerakzeptanz als erfolgskritischen Faktor herausstellt – nur beschreibt er damit natürlich nur eine Seite der Medaille. Denn dass ein Anbieter trotz breiter Händlerunterstützung scheitern kann, das zeigte (in einem anderen Payment-Segment) die Otto-Tochter Yapital, die zwar im Handel weit verbreitet, auf Endkundenseite aber nie eine kritische Masse erreicht hat.

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Ein Schicksal, das den Machern von GiroPay bekannt vorkommen dürfte, denn das Gemeinschaftsprojekt von Sparkassen, Volksbanken und Postbank erfreut sich einer ziemlich breiten Händleruntersützung von MediaSaturn über die Deutsche Post bis hin zur Spiele-Plattform Steam. Und trotzdem lag der Marktanteil von GiroPay auch im abgelaufenen Jahr so niedrig, dass er unter „Sonstige“ aufsummiert wird, während der bankenunabhängige, aber technisch vergleichbare Wettbewerber SOFORT-Überweisung  immerhin auf einen Marktanteil im mittleren einstelligen Bereich kommt.

Woran GiroPay bisher scheitert ist im wesentlichen das Marketing: keine der beteiligten Banken(-gruppen) hat sich bisher dafür verantwortlich gefühlt, den Zahlungsdienst angemessen und nachhaltig zu bewerben. Auf den jeweiligen Webseiten der Banken findet man Informationen dazu in der Regel nur über die Suchfunktion – man muss GiroPay also schon kennen und bewusst danach suchen, um es zu finden. In der Praxis zeigt sich außerdem, dass selbst die überwiegende Mehrheit der Bankmitarbeiter ihr eigenes Produkt nicht kennen. Bei so stiefmütterlicher Behandlung hat selbst ein Dienst, der so schlank und kundenfreundlich gestaltet ist, kaum eine Chance.

Paydirekt hat andere Probleme als GiroPay

Zudem muss man feststellen, dass das von Thiele favorisierte Paydirekt weiß Gott größere Probleme hat, als die Co-Existenz mit GiroPay. Die ist natürlich nicht sinnvoll, zumal sie Ressourcen bindet, die man besser auf eines der beiden Verfahren konzentrieren sollte. Die wesentlichen Probleme von Paydirekt sind allerdings hausgemacht bzw. dem Projekt geschuldet.

So ist u.a. das Onboarding für die Händler einfach kompliziert geregelt. Auf Druck des Kartellamtes darf Paydirekt keinen einheitlichen Preis vereinbaren. Stattdessen muss der Händler grds. Konditionen mit jeden einzelnen teilnehmenden Bank verhandeln – als Kompromisslösung können kleinere Händler immerhin mit einem Bankenkonzentrator je Bankengruppe Verträge schließen. Dennoch ist allein schon das ein großer Nachteil gegenüber den schärfsten Konkurrenten, allen voran PayPal.

Auch die Zusammenarbeit der beteiligten Banken läuft alles andere als rund und geräuschlos. Insbesondere die Sparkassen, die erst spät entschlossen auf den Zug aufgesprungen sind, haben kaum eine Gelegenheit ausgelassen, das Projekt kaputt zu reden, z.B. indem Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon öffentlich Zweifel an der Sicherheit des Verfahrens verkündete.

Und als wäre das nicht schon genug, scheint sich Paydirekt dem Vernehmen nach mit dem Pricing verkalkuliert zu haben. Nach Recherchen des Bargeldlos Blog von Hanno Bender bewegen sich die ersten Preisangaben an interessierte Händler jenseits von Gut und Böse – wenn die angefragte Bank denn überhaupt auskunftsfähig ist, was wohl auch nicht immer der Fall ist.

Was die Szene darüber denkt

Fintech-Podcaster und Traxpay-COO Jochen Siegert wundert sich auf Twitter darüber, dass sich die Bundesbank in Geschäftspolitik einmischt und dann ausgerechnet für das am Markt teurere Verfahren wirbt. Und Payment-Experte Rudolf Linsenbarth sieht in der Alternative GiroPay ein Ass im Ärmel für die Sparkassen, das sie wieder in den Fahrersitz hebt, auch wenn sie spät bei Paydirekt eingestiegen sind (Twitter).

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Fintech-Querdenker Maik Klotz wird im Manager Magazin mit den Worten zitiert: „Bei Paydirekt haben die Banken fast alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte“. Und André M. Bajorat, graue Eminenz der Fintech-Szene und ehemaliger Manager bei GiroPay? Der äußert sich auf Twitter vieldeutig mit den Worten: „Spannende Sicht: Thiele fordert Banken und Sparkassen auf, @Giropay zugunsten von @paydirekt sterben zu lassen“.

Meiner Meinung nach hätten es die deutschen Banken auch einfacher haben können – wenn sie sich vor über 10 Jahren in Gänze hinter GiroPay versammelt hätten. Denn das Verfahren war bereits einfach, sicher und (relativ) kostengünstig. Hätten die Banken GiroPay auch nur halb soviel (mediale) Aufmerksamkeit gewidmet, wie es heute mit Paydirekt passiert, könnte es heute ein Platzhirsch im deutschen eCommerce sein.

Natürlich ist GiroPay nicht perfekt, aber das sind die Konkurrenten ebenfalls nicht. Und was Paydirekt von GiroPay abhebt, ist im wesentlichen der Käuferschutz – ein Feature, das man innerhalb von 10 Jahren vermutlich auch in GiroPay hätte integrieren können. Auf eine gute Händlerbasis – immerhin DER große Schwachpunkt bei Paydirekt – kann der Payment-Senior immerhin verweisen.

Wenn nun die Bundesbank empfiehlt, die reifere der beiden Payment-Lösungen der deutschen Banken sterben zu lassen, dann mag das aus politischen Gründen opportun sein – sinnvoll und logisch erscheint es allerdings nicht. Bleibt zu hoffen, dass die Deutsche Kreditwirtschaft nicht auch diesen vielversprechenden Ansatz durch eigene Inkompetenz kaputt macht – allein: im Moment sieht es mal wieder ganz danach aus.

Was denkt Ihr zum Geschwisterkampf zwischen GiroPay und Paydirekt? Schreibt Eure Meinung als Kommentar unter diesen Beitrag.

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