Wieso haben Fintechs noch keine echte Disruption ausgelöst? [Gastartikel]

Big-Tech, GAFA. Umschreibungen für Google, Amazon, Facebook und Apple sowie für asiatische Tech-Giganten wie Tencent, Baidoo und Alibaba gibt es viele. Dass diese Unternehmen Unmengen an Daten abfragen und für ihre eigenen Zwecke gewinnbringend verarbeiten, ist kein Geheimnis. Es stellt sich nicht nur die Frage, ob Nutzer bereit sind, diesen Firmen ihr Geld anzuvertrauen, sondern auch, ob Banken und Fintechs ausgedient haben. Von Karl im Brahm.

HNWIs wollen Big Techs ihr Vermögen anvertrauen

Sind Nutzer bereit, einem Big Tech ihr Vermögen zu geben? Die Antwort lautet: Ja, sie sind es. So kam Capgemini in einer Umfrage zu dem Ergebnis, dass es sich 80 Prozent der befragten High Net Worth Individuals (HNWIs) vorstellen können, einen Teil ihres Vermögens einem Big Tech anzuvertrauen. Die Frage, ob Banken von Big Techs bedroht sind, stellt sich also gar nicht.

Aber: Big Techs wollen nicht selbst zu Banken werden. Sie wollen möglichst viele Daten über ihre Kunden besitzen, um die Kundenbeziehung kontrollieren zu können. Wenn man sich vor Augen führt, dass Dienste wie Google und Amazon für Milliarden von Nutzern der zentrale Einstiegspunkt ins Internet sind, wird deutlich, wie groß das Wissen sein muss, das die GAFA über ihre Kunden haben: Sie kennen sie aus jeder erdenklichen Perspektive heraus.

Bequemlichkeit gegen Daten – so ist der Deal

Was aber hat der Kunde davon, derart gläsern zu sein? Er erhält höchst personalisierte Angebote. Er kann sich bequem zurücklehnen, während Algorithmen seine tiefsten Wünsche und Bedürfnisse erörtern. Die Währung, mit der Online-Konsumenten heutzutage bezahlen, ist also nicht nur Geld, sondern es sind auch ihre Daten beziehungsweise es ist auch ihre Privatsphäre, die sie (teilweise) aufgeben.

Banken vs. Big Techs vs. Fintechs: Wer macht das Rennen?

Big Techs besitzen Daten, Banken besitzen Werte. Vor diesem Hintergrund ist ein Wettrennen zu beobachten: Wer kann sich schneller adaptieren: Big Techs sind kundenzentriert und möchten im Finanzgeschäft mitmischen, wohingegen viele Banken sehr produktzentriert sind und ihre Kunden besser kennenlernen müssen. Daneben gesellen sich rund 11.000 Fintechs, die in ihrer Nische sehr attraktive Angebote haben und in rasantem Tempo wachsen: Die Online-Bank N26 beispielsweide gewinnt 2.000 Neukunden täglich, bei Revolut werden pro Tag zwischen 8.000 und 10.000 neue Bankkonten eröffnet. Trotz dieser beeindruckenden Zahlen wirken Fintechs bisher nicht disruptiv. Warum ist das so?

Fintechs fehlt es an Vertrauen und Volumen – noch

Eine Ursache könnte darin liegen, dass Online-Banken wie aktuell N26 immer wieder Betrugsvorwürfen ausgesetzt sind. Weiterhin fordert die BaFin einige Fintechs auf, ihre Prozesse zur Geldwäscheprävention zu optimieren. Nicht zuletzt registriert die Behörde eine steigende Zunahme an Kundenbeschwerden, weil viele Online-Banken nicht erreichbar sind. Darunter leiden auf Verbraucherseite natürlich Akzeptanz und Vertrauen. Hier können Banken und Big Techs gegenüber Fintechs bislang punkten: Sie haben nicht nur das Volumen, sondern genießen auch das Vertrauen der Kunden. Millionen Kunden können sich darauf verlassen, dass Banken reguliert sind und im Krisenfall gerettet werden. Darum genießen sie sehr hohes Vertrauen.

Quelle: Avaloq

Demgegenüber stehen die technologiegetriebenen Big Techs mit Milliarden von Kunden, die ihre Daten bereitwillig bereitstellen – teilweise mit einem unguten Gefühl. Das Vertrauen ist nicht ganz so hoch. Fintechs wiederum haben lediglich Tausende Kunden und konnten sich darum noch nicht als vertrauenswürdige Player etablieren. Hinzu kommt, dass ihre Technologie zwar innovativ ist, jedoch teilweise (noch) keine Rechtssicherheit bietet. Dementsprechend ist es keine Überraschung, dass die befragten Banken im aktuellen World Fintech Report (WFTR) 2019 angeben, dass es Aspekte wie Datensicherheit (76 Prozent), Kundendiskretion (76 Prozent) und Kontrollverlust über Kundendaten (63 Prozent) sind, die ihre skeptische Haltung gegenüber einer Zusammenarbeit mit Fintechs erklären.

Verhältnis zwischen Innovation und Regulierung muss stimmen

In diesem Kontext stellt sich die generelle Frage, wie der Regulator mit Innovation umgehen will. Als Neuheit geschieht Innovation häufig außerhalb anerkannter gesellschaftlicher Regeln oder jenseits existierender Gesetze. Darum ist sie anfangs zwangsläufig unreguliert. Der Gesetzgeber kann also gar nicht anders, als reaktiv zu handeln. Ein anschauliches Beispiel ist der Red Flag Act aus Großbritannien. Um Unfälle zu vermeiden, musste zwischen 1865 und 1896 eine Person mit roter Flagge vor jeder Motorkutsche laufen, um Fußgänger zu warnen. Damit war die Höchstgeschwindigkeit zwangsläufig auf zwei Meilen pro Stunde begrenzt. Dennoch starben in den 31 Jahren, in denen der Red Flag Act gültig war, 1.589 Menschen in der Folge von Verkehrsunfällen mit Dampfwagen und Lokomobilen.

Quelle: Avaloq

Das Beispiel zeigt, dass Regulierung nicht immer sinn- und wirkungsvoll ist. Letztlich geht es darum, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Innovation und Regulierung zu schaffen. Ebenso wichtig ist es, den Schutz der Nutzerdaten sicherzustellen. In Anlehnung an die Ergebnisse des WFTR 2019 besteht die Lösung darin, dass Banken und Fintechs zukünftig enger zusammenarbeiten, nämlich über Banking-Ökosysteme beziehungsweise Open-Banking-Marktplätze.

App-Store für Banking-Anwendungen

Derartige Ökosysteme verbinden die Vorteile etablierter Banken, die reguliert und vertrauenswürdig sind, mit der disruptiven Innovationsstärke von Fintechs. Banking-Plattformen haben das Potenzial, eine neue Form der Interaktion in der Finanzindustrie zu schaffen: Indem Banken ein modulares Kernbankensystem nutzen, können sie innovative Fintech-Anwendungen über offene Schnittstellen (APIs) integrieren und so einen nutzerfreundlichen, integrierten Technologie-Marktplatz schaffen, der branchenübergreifende Lösungen, die einen wirklichen Mehrwert stiften, verbindet. Für die nötige Sicherheit der Kundendaten ist gesorgt, wenn der Marktplatz auch Anwendungen von Regtechs und Lawtechs umfasst.

Von einem derartigen App-Store für Banking-Anwendungen profitieren Banken, Fintechs und Kunden gleichermaßen: Fintechs können ihre Lösungen auf der Plattform bereitstellen, wodurch sie hunderte Banken und Vermögensverwalter als potenzielle Kunden adressieren. Banken erhalten Zugang zu hochinnovativen Technologien, mit einer schnellen Time-to-Market und ohne Investitionsrisiko. Zudem bleiben jegliche Daten über alle Anwendungen hinweg konsistent. Und Privatkunden können ihr Web-Banking so flexibel personalisieren, dass es ihren individuellen Wünschen und Bedürfnissen perfekt entspricht – Consumer-Apps auf dem Smartphone lassen grüßen.

Der Kunde steht im Mittelpunkt

So verlockend die Vorstellung auch sein mag, so groß sind die Vorbehalte, die Banken und Fintechs solchen Ökosystemen gegenüber derzeit noch haben. Laut WFTR 2019 sind 66 Prozent der Finanzinstitute und 70 Prozent der Fintechs der Meinung, dass einer effektiven Zusammenarbeit Unterschiede in Unternehmenskultur und Mentalität im Weg stehen. Weitere Hindernisse sind Prozessbarrieren (52 Prozent der Banken, 70 Prozent der Fintechs) sowie ein Mangel an langfristigen Visionen und Zielen (54 Prozent der Banken, 60 Prozent der Fintechs).

Dementsprechend haben erst 26 Prozent der Führungskräfte von Banken und 43 Prozent der Fintech-Führungskräfte den richtigen Open-Banking-Kooperationspartner bereits gefunden. Alle anderen sind gefordert, nachzuziehen. Denn nur, wenn sich Banken und Fintechs zusammenschließen, können sie maßgeschneiderte, kundenorientierte Produkte und Services entwickeln – und damit ein ernstzunehmender Gegenspieler der Big Techs werden, der ein ebenso hohes Innovationstempo an den Tag legt und kundenzentrierte Lösungen entwickelt. Erst wenn der Kunde im Mittelpunkt steht, wenn er sich und seine Bedürfnisse verstanden fühlen, dankt er das mit seiner Treue – sowohl Banken als auch Fintechs gegenüber.

Über den Autor

Karl im Brahm (Quelle: Avaloq)

Karl im Brahm ist CEO der Avaloq Sourcing (Europe) AG und verantwortet als Head of Germany der Avaloq in Deutschland die Aktivitäten der Avaloq Gruppe im deutschen Markt. Er war unter anderem Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung der Deutschen Postbank AG sowie Mitglied des Vorstands bei der S Broker AG & Co. KG und der Deutschen WertpapierService Bank AG. Bevor er 2018 als Vorstandsvorsitzender der Avaloq Sourcing (Europe) AG zu Avaloq wechselte, hatte er als CEO einer Beratungsgesellschaft diverse Mandate für Digitalisierungs- und Vertriebsprojekte bei verschiedenen deutschen Großbanken inne.

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