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Offene Plattformen: Kollaboration zwischen Fintechs und Banken [Gastartikel]

Der Weg eines Finanz-Startups bis zur Profitabilität ist lang und schwierig: Die Entwicklung neuer Anwendungen ist aufwändig. Hinzu kommen teure Marketing-Maßnahmen, um eine kritische Masse an Nutzern zu erreichen. Die Kollaboration mit etablierten Banken auf einer offenen Plattform kann hier Abhilfe schaffen. Ein Gastartikel von Mitesh Soni.

Die Fintech-Szene steht vor einem neuen Boom: Bis Ende September 2018 starteten laut einer comdirect-Studie allein in Deutschland 42 neue Unternehmen in dieser Branche. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Bedingungen am Markt aktuell kaum besser sein könnten. Denn aufgrund der EU-Richtlinie PSD2 (Payment Service Directive) sind Finanzinstitute dazu verpflichtet, ihre Kundendaten und IT für andere Akteure wie Fintechs zu öffnen – natürlich nur bei Einverständnis der Kunden. Die jungen Finanzunternehmen können auf dieser Basis den Bankkunden neue Services anbieten.

Doch die gesetzlich vorgeschriebenen Schnittstellen, welche die Institute bereitstellen müssen, ermöglichen nur ein begrenztes Spektrum von Innovationen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darum in der Kollaboration: Die Banken ermöglichen Fintechs den Zugang zu einer breiten Nutzerbasis und gehen dabei über die Anforderungen der Richtlinie hinaus einen großen Schritt in Richtung Open Banking. Im Gegenzug können die Finanzinstitute ihre Kunden dank innovativer Angebote der jungen Firmen langfristig zufrieden stellen. Denn der Kunde von heute ist beispielsweise von den GAFA-Playern (Google, Amazon, Facebook, Apple) ein bequemes und vollständig digitales Angebot gewohnt und erwartet diesen Service auch in anderen Bereichen.

Legacy-Systeme der Banken erschwerten bisher die Zusammenarbeit

Basis für eine Kollaboration von Banken und Fintechs ist, dass die Lösungen beider Seiten miteinander kompatibel sind. Doch das war bisher die größte Hürde, da die komplexe Legacy-IT der Finanzinstitute Spezialwissen und eigens entwickelte Lösungen erforderte. Denn diese nutzen im Kern historisch gewachsene Systeme, die mit längst veralteten Programmiersprachen wie Fortran oder Cobol geschrieben wurden. Die proprietären Backend-Systeme halfen bei ihrer Einführung vor Jahrzenten dabei, bestimmte Aufgaben wie Kontoeröffnungen und Transaktionen zu beschleunigen und effizienter zu gestalten.

Diese Legacy-IT ist in den Banken bis heute die Grundlage, auf der sie jede weitere Anwendung aufbauten. Denn mit wachsenden Anforderungen der Kunden, beispielsweise an Onlinebanking oder mobiles Zahlen, entwickelten und kauften die Finanzinstitute immer neue Applikationen. Jede davon war auf eine Aufgabe spezialisiert: Sie ermöglichte einen Überblick über verschiedene Konten, steigerte die betriebliche Effizienz oder verkürzte Ausfallzeiten. Jedoch führten sie auch andere Dateiformate sowie Programmiersprachen wie C++ und neue Betriebssysteme wie Unix, Windows und Linux ein. Dadurch entstanden Silostrukturen in den Daten und Anwendungen, die einer aufwändigen Pflege durch die IT bedurften und erst mühsam integriert werden mussten.

Diese Komplexität von Legacy-Umgebungen benötigt entsprechend lange Zyklen in der Software-Entwicklung – für die Programmierer in den Banken, aber auch für Fintechs, die ihre Anwendungen den Instituten und ihren Kunden zur Verfügung stellen wollen. Neue Projekte erfordern Experten, die sich mit den individuellen Bestandstechnologien auskennen, wodurch sich die Startups faktisch an ein Finanzinstitut binden müssen. Darüber hinaus ist es auch sehr zeitaufwändig, die Anwendungen an die komplexen Produktivumgebungen anzupassen. Schafft es eine neue Applikation bis zu diesem Punkt, ist es oft zu spät, um einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Denkbar schwierige Voraussetzungen für eine Kollaboration der Banken mit agilen und flexiblen Finanz-Startups.

Offene Plattformen ermöglichen heute gemeinsame Innovationen

Diese Problematik erforderte also einen neuen und umfassenden Ansatz, der eine unkomplizierte Anbindung von Anwendungen an bestehende Systeme erlaubt. Im Zeitalter der Digitalisierung bieten nun cloudbasierte Bankenplattformen die Möglichkeit, die Kommunikation zwischen der Bestands-IT der Finanzinstitute und den Apps von Fintechs zu vereinfachen sowie die Entwicklung und Bereitstellung der Applikationen zu beschleunigen. Eine solche Plattform sollte zu diesem Zweck folgende zentrale Bestandteile aufweisen:

1. Offene Schnittstellen für einfache Integration

Über sogenannte Application Programming Interfaces (APIs) lassen sich neu entwickelte Apps schnell und einfach an bestehende Kernbankenlösungen anbinden. Denn die APIs ermöglichen die Kommunikation unterschiedlicher Programme, Systeme oder Software-Anwendungen, ohne dass ein externer Entwickler dabei tiefgehende Kenntnisse des Kernsystems eines Finanzinstituts oder eines anderen API-Inhabers haben muss. Banking-Applikationen lassen sich dadurch innerhalb kürzester Zeit in die Lösungen von Fintechs integrieren – und umgekehrt.

2. Schnellere Entwicklung durch Low-Code-Ansatz

Low-Code-Entwicklungsumgebungen sorgen dafür, dass sich Apps deutlich schneller erstellen lassen als mit den traditionell verbreiteten Software-Entwicklungsmethoden. Denn durch die visuelle Verknüpfung von Programm-Elementen muss weniger Quellcode von Grund auf neu geschrieben werden. So gibt es beispielsweise sogenannte visuelle Editoren, mit denen sich Komponenten der Benutzeroberfläche per Mausklick oder Drag-&-Drop kombinieren lassen.

Auch Datenmodelle und Businesslogik lassen sich mit diesen Designtools abbilden. Dies ist unter anderem hilfreich, wenn Bankprozesse entworfen werden müssen. Selbst die Struktur und der Zugriff auf Datenbanken sowie Basisdienste wie Authentifizierung oder Autorisierung können über modulare Low-Code-Bausteine angelegt und definiert werden – natürlich anpassbar an die individuellen Anforderungen jedes Finanzinstitutes. Bei Bedarf werden sie dafür um handgeschriebenen Code erweitert.

3. Hohe Skalierbarkeit in der Cloud

Es ist mit immensem Aufwand verbunden, eigene Rechnerkapazitäten aufzubauen und vorzuhalten – ein Hemmschuh für die Innovationskraft, der im Rahmen einer Bankenplattform eliminiert werden kann. Im Sinne der Plattformökonomie sollte Innovation nicht vorrangig aus eigener neuer IT-Infrastruktur kommen, sondern aus der Cloud. Denn dort stehen Ressourcen bedarfsgerecht flexibel und hoch skalierbar zur Verfügung. Auch in punkto Sicherheit sind Cloud-Rechenzentren in Deutschland heute auf dem neuesten Stand. Und Institutionen wie die BaFin unterstützen und fördern den Einsatz solcher Lösungen durch entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen.

4. Compliance und standardisierte Abläufe

Kein Sektor ist so stark von Regulierungen und Vorgaben geprägt wie die Finanzbranche. Insbesondere in den vergangenen zehn Jahren wurden die Compliance-Anforderungen noch einmal deutlich verschärft. Deshalb muss die Bankenplattform so konzipiert sein, dass alle auf ihr entwickelten Anwendungen die deutschen und europäischen Sicherheits- und Datenschutzanforderungen erfüllen. Ebenso müssen auch aufsichtsrechtliche Vorgaben abgedeckt sein. Ein weiterer wichtiger Faktor sind Standards: Damit die Applikationen flexibel in verschiedene Bankenumgebungen integrierbar sind, sollten sie den allgemein geltenden Finanzstandards hinsichtlich der Prozesse, Abwicklung von Kundenaufträgen und Mitarbeitereffizienz entsprechen.

5. Schnelle Monetarisierung in einem App-Store

Die beste Innovation ist nutzlos, wenn kein Anwender davon profitiert. Dieses Prinzip haben auch Apple und Google erkannt und ihre Produkte von Beginn an mit einem App-Store kombiniert. Diesen Erfolgsfaktor sollten offene Bankenplattformen ebenfalls berücksichtigen – denn in der Vermarktung der fertigen Applikationen liegt ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Dabei sollten die App-Stores im Open Banking ohne großen Installations- und Implementierungsaufwand sofort zugänglich sein und das App-Angebot möglichst übersichtlich darstellen.

Die Plattform-Revolution hat schon begonnen

Der Einzelkämpfermodus in der Finanzindustrie gehört heute eindeutig der Vergangenheit an. In einer globalisierten, digitalisierten Welt ist es ganz selbstverständlich, die Expertise vieler Marktakteure durch Kollaboration für den gemeinsamen Erfolg zu nutzen. Von einer offenen Bankenplattform profitieren so nicht nur die Finanzinstitute, die ihren Kunden innovative Anwendungen anbieten können. Auch Fintechs gewinnen durch eine schnellere Markteinführung und eine breitere Anwenderbasis. Der Plattformansatz wird daher die Kollaboration in dieser Branche weit über die Anforderungen der PSD2-Richtlinie hinaus vorantreiben. Und das so entstehende Open-Banking-Paradigma wird schließlich auch den Fintech-Boom weiter anfachen.

Über den Autor:

Mitesh Soni ist Senior Director of Innovation and Fintech bei Finastra
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