Bild der SCHUFA-Zentrale in Wiesbaden

Der SCHUFA-Shitstorm und die Doppelmoral

Einige Unternehmen können tun oder lassen, was sie wollen: am Ende gibt es meist einen Shitstorm und schlechte Presse. Die SCHUFA spielt in dieser Klasse ganz oben mit. Jetzt war es wieder so weit: für ihr aktuelles Pilotprojekt wurde die medial einmal mehr geteert und gefedert. Zu Unrecht, wie ich finde. Ein Kommentar.

Es gibt in Deutschland nur wenige Unternehmen, die unbeliebter sind, als die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung – so der eigentlich Name der SCHUFA. Dabei erfüllt sie eine gesellschaftlich durchaus wichtige Funktion: sie hilft Unternehmen dabei, die Bonität ihrer Kund:innen einzuschätzen. Damit ist sie seit etwa 100 Jahren eine wichtige mögliche Grundlage für bequeme Bezahlverfahren wie Rechungskauf oder Ratenzahlung.

Ohne die SCHUFA stünden Unternehmen gerade im Retailgeschäft vor der Wahl, entweder ihre Dienste nur noch gegen Vorkasse anzubieten oder aber schwer kalkulierbare Verlustrisiken einzugehen (und einzupreisen). So oder so würde dann die große Masse der ehrlichen Kunden für die schwarzen Schafe bezahlen müssen. Dank Bonitäts-Scoring können Unternehmen die bonitätsschwachen Kund:innen gezielt herausfiltern und guten Kund:innen weiterhin bequeme Bezahlverfahren anbieten.

Intransparenz der SCHUFA sorgt für Abneigung

Die Idee hinter der SCHUFA ist also eigentlich vorteilhaft. Woher kommt dann diese Abneigung der Menschen gegenüber dem Unternehmen? Der Hauptgrund dürfte wohl in der Intransparenz liegen, die das Unternehmen walten lässt. Fast alle volljährigen Einwohner:innen dürften einen Datensatz bei der SCHUFA haben – nur weiß niemand so recht, was eigentlich genau dort alles gespeichert ist und welche Faktoren mit welchem Gewicht in den sagenumwobenen SCHUFA-Score eingehen.

Diese Intransparenz macht es den Menschen natürlich schwer, die Richtigkeit des Scores zu bewerten. Anektodische Evidenz beispielsweise über den Millionär, der trotzdem keinen Mobilfunkvertrag abschließen kann ($), sorgt dann verständlicherweise für eine gehörige Portion Skepsis gegenüber dem Algorithmus. Ein Dilemma, denn offenlegen kann die SCHUFA ihren Algorithmus nicht – immerhin ist er DER Kern ihres Geschäftsmodells.

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Zum Einen könnte er dann einfach von Wettbewerbern kopiert werden. Zu Anderen droht dann das Risiko, dass Menschen anfangen, ihren Score gezielt zu manipulieren. Es liefe dann wohl auf ein Katz- und Maus-Spiel hinaus, wie wir es bei der Suchmaschinenoptimierung seit Jahren an der Tagesordnung ist.

Gute Idee vom falschen Absender

Ende November 2020 nun berichtete die Süddeutsche über das neue Angebot „CheckNow. Gemeinsam mit dem Mobilfunkanbieter Telefonica/O2 pilotierte die SCHUFA auf freiwilliger Basis, den Bonitätsscore hier mittels Zugriff auf das Girokonto zu berechnen. Die Idee dahinter ist eigentlich durchaus positiv für die Verbraucher:innen.

Wer harte Negativmerkmale (Kontopfändungen, Insolvenzverfahren,…) aufweist, gilt als bonitätsschwach und bekommt bei vielen Unternehmen keine oder nur Pre-Paid-Verträge. Über die Auswertung des Girokontos sollten Verbraucher:innen die Gelegenheit bekommen nachzuweisen, dass sie doch solvent sind. Eigentlich eine gute Idee, zumal wenn sie freiwillig ist.

Käme die Idee von einem hippen Fintech, wäre sie wohl positiv aufgenommen worden. Da sie aber von der SCHUFA kam, gab es halt sofort einen Shitstorm. Auf Twitter, in der Blog-Sphäre und in den großen Medien. Kein Wunder: öffentlich gegen die SCHUFA zu schießen, garantiert den Gratisapplaus. Das ist wie ein geschenkter Elfmeter.

SCHUFA bietet viel Angriffsfläche

Natürlich bietet ein solcher Datenriese immer eine große Angriffsfläche. Fintech-Blogger bemängeln beispielsweise immer wieder, dass die Nutzung vieler Girokonten zur Abwertung im Bonitätsscore führt. Das erlebe auch ich, wenn ich bei der x-ten Neobank ein Girokonto zu Testzwecken eröffne. Nur mal im Ernst: wie viele (oder eher: wenige) Fintech-Blogger gibt es in Deutschland? In der Breite der Bevölkerung scheint es nunmal eine statistisch signifikante Korrelation zwischen der Anzahl der Girokonten und der Bonität zu geben.

Und über die Aussagekraft historischer Daten zur Vorhersage der künftigen Bonität kann man sicher trefflich streiten. Ebenso über die Einbeziehung unscharfer Daten wie dem Wohnviertel. Doch genau das wird mit dem neuen Pilotprojekt ja gerade begegnet. Denn die gegenwärtige Kontoführung hat eine sehr hohe Aussagekraft über die zeitnahe Bonität.

„Zeig mir Deine Kontoumsätze und ich sage Dir, wie Deine Bonität ist.“ Diesen Satz würden wohl alle Privatkundenberater:innen in Banken und Sparkassen unterschreiben. Es macht halt schon einen Unterschied, ob das Gehalt hauptsächlich in Miete, Lebensmittel und Sparverträge fließt oder in Glücksspiel, Leasingverträge und ausgedehnte Shopping-Bummel. Ob das Konto am Monatsende tief im Dispo steht oder einen satten Puffer für Unvorhergesehenes bereit hält.

Rechtlich soweit in Ordnung

Rein sachlich gesehen ist der Ansatz der SCHUFA also sinnvoll und richtig. Deshalb blieb dem Unternehmen eigentlich kaum etwas anderes übrig, als diesen Piloten zu starten, um wettebwerbsfähig zu bleiben. Rein rechtlich setzt der Scoring-Dienstleister auf die EU-Richtlinie PSD2, die Anfang 2018 mit dem „Gesetz zur Umsetzung der Zweiten Zahlungsdiensterichtlinie“ in nationales Recht umgesetzt wurde. Sie regelt den Zugang zum Girokonto.

Für die technische Umsetzung das die SCHUFA Ende 2018 das deutsche Fintech finAPI übernommen, dass sich auf eben diese Schnittstelle spezialisiert hat. Und wie Rudolf Linsenbarth im IT Finanzmagazin richtig herausstellt, ist der Kontenzugriff durch finAPI durch die PSD2 rechtlich gedeckt. Wie und in welchem Umfang die SCHUFA die so gewonnenen Daten nutzen darf, ist nicht in der PSD2 geregelt.

Dafür gibt es allerdings die Vorgaben einer anderen EU-Richtlinie: der ungeliebten DSGVO. Soweit bekannt ist, holt sich die SCHUFA für ihren Piloten die explizite Einwilligung der Nutzer:innen ein, insofern verhält sie sich auch an dieser Stelle rechtlich sauber.

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Und wie die Kollegen Caspar Tobias Schlenk und Niklas Wirminghaus von FinanceFWD anmerken, nutzen Unternehmen wie bonify hierzulande diese Möglichkeiten schon länger, ohne dass sich jemand darüber aufgeregt hätte.

Geht es wirklich um die Sache?

Daher drängt sich mir der Eindruck auf, dass es hier weniger um die Sache als vielmehr einfach um die SCHUFA selbst geht. Die ist hierzulande nunmal unbeliebt und ein dankbarer Aufmacher für vielgeklickte Artikel. Bedenklich erscheint mir allerdings, dass die mediale Hexenjagd offenbar so weit führt, dass SCHUFA-Mitarbeitende beschimpft, beleidigt und sogar persönlich bedroht werden. So sehr, dass sich das Unternehmen zu einem öffentlichen Statement genötigt fühlte.

Sicherlich: die SCHUFA macht bestimmt nicht immer alles richtig. Es gibt auch eine Menge Potential, die Gesellschaft insgesamt besser als Stakeholder einzubinden. Dass sie nun aber gerade für Versuche gescholten wird, den Score wirklichkeitsnäher zu gestalten, irritiert mich ehrlich gesagt. Und noch mehr die Art und Weise, wie das aktuell geschieht.

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