Die große Bitcoin-Blase

In der Finanzbranche gab es in den letzten Wochen und Monaten kein heißeres Thema als den unaufhaltsamen Aufstieg des Bitcoins. Gab es gerade anfangs noch eine Vielzahl kritischer Stimmen, so sind diese zuletzt verstummt. Der Bitcoin ist die große Verheißung für die Zukunft des Geldes, heißt es von seinen Fans. Selbst viele Banker können sich der Faszination der Kryptowährung nicht entziehen. Dabei gibt es viele Gründe, die aktuelle Kursrallye kritisch zu hinterfragen.

Die ganze Welt ist verrückt geworden! Verrückt nach Bitcoin, einer Kryptowährung, von der 99% der Bevölkerung gerade einmal den Namen kennen – und den Kurs-Chart. Seit Wochen bringen auch Massenmedien täglich Storys über große Kursgewinne und Menschen, die aus 100 Euro ein kleines Vermögen gemacht haben. Kaum eine Gelegenheit, bei der man als Digitalbanker nicht von Bekannten angesprochen wird, ob man “bei diesem Bitcoin jetzt noch irgendwie mitmachen könne”. Mit einem Hunderter würde man da gern mal mitspielen – wenn der nachher futsch sei, wäre das nicht so schlimm. Kryptowährungen als moderner Lottoersatz.

So häufen sich Stories wie diese aus einer großen Regionalbank in einer deutschen Metropole. Der Kassierer einer Filiale ruft aufgeregt den Digitalbanker seines Instituts an. Ein älterer Kunde habe 10.000 Euro in bar abgehoben. Als Kassierer bei dieser Kundengruppe für Abzockversuche wie den “Enkeltrick” sensibilisiert fragt er den Kunden, was er denn mit dem Geld anstellen wolle. Die unbedarfte Antwort des Kunden: er habe in der Zeitung von diesem Bitcoin gelesen. Die wolle er sich jetzt kaufen, damit solle man ja enorme Renditen erzielen können. Nachdem sich der Kassierer bei seinem Digitalbanker über übliche Handelswege für Kryptowährungen aufgeschlaut hat, kann er den Kunden wenigstens dazu bewegen, sich erst einmal in Ruhe zu informieren.

Wenn plötzlich “Dispo-Sparer”, “Schwäbische Hausfrauen” oder ältere Herren völlig uninformiert in den “neuen heißen Scheiß” investieren wollen, sollte man zumindest kurz innehalten. Der Gedanke an eine große Blase ist nicht so ganz von der Hand zu weisen.

Wertsteigerung ist by Design

Wer nur ein bisschen in den VWL-Vorlesungen (oder im Berufsschulunterricht in einem kaufmännischen Beruf) aufgepasst hat, kennt das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Steigt bei gegebenem Angebot die Nachfrage nach einen Produkt, steigt auch der Preis. Normalerweise animiert das die Anbieter, mehr zu produzieren und der Preis sinkt wieder. Oder der hohe Preis dämpft die Nachfrage, was auch wiederum den Preis senkt. So funktioniert die normale Wirtschaft.

Kryptowährungen sind anders gestrickt – und das hat durchaus System. Alle großen Kryptowährungen von Bitcoin über Ethereum bis hin zum neuen Shooting Star IOTA verbindet eine grundlegende Eigenschaft: die Anzahl an Einheiten ist fix. Das Angebot ist also begrenzt und kann nicht nachträglich an die Nachfrage angepasst werden. Das ist ausdrücklich so gewollt. Als (vermeintlich) gutes Argument für diese Ausgestaltung zog Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto inflationäre Tendenzen bei traditionellen Zentralbankwährungen heran. Staaten und Zentralbanken würden immer mehr Geld drucken um über die resultierende Inflation ihre Schulden zu entwerten. Durch die per Design festgelegte Obergrenze an Währungseinheiten sollte der Bitcoin hier einen anderen Weg gehen.

Das führt nun aber zu einer genau gegenläufigen Entwicklung: Deflation by Design. Denn bei steigendem Interesse (=Nachfrage) an den Kryptowährungen, muss deren Wert zwangsläufig steigen. Und da es hier nicht um verderbliche Konsumgüter geht, sondern um leicht handelbare Digitalgüter, zieht dieser Effekt Spekulanten an. Deren Geld sorgt für weitere Nachfrage und damit Kurssteigerungen. Und am Ende der Entwicklung folgt dann das eingangs benannte “stupid money”, dass die Blase vollends aufbläst.

Terminkontrakte auf Bitcoin als Brandbeschleuniger

Nun bieten neuerdings zwei US-amerikanische Börsen Terminkontrakte auf den Platzhirschen der Kryptowährungen, den Bitcoin, an. Seit dem 10.12.2017 ist die kleine Chicagoer Optionsbörse CBOE am Start, in den nächsten Tagen will auch die ungleich größere Chicago Mercantile Exchange (CME) nachziehen. Damit ist der Weg frei auch für viele institutionelle Investoren, die auf diese Weise vom Bitcoin profitieren wollen. Dabei dürfte ihnen die Technologie an sich eher egal, die hehren Ziele des Erfinders Nakamoto sogar zuwider sein. Was die Kryptowährung für sie aber so interessant macht, sind die ohnehin heftigen Kursschwankungen. Die liegen regelmäßig selbst ‘intraday’ (also innerhalb eines Tages) bei 20 oder 30% – in beide Richtungen. Selbst höhere Kursausschläge sind keine Seltenheit.

Terminkontrakte sind für die Profianleger das optimale Instrument, von beiden Bewegungen zu profitieren. An den Finanzmärkten gelten sie als Brandbeschleuniger, die Kurstrends drastisch verstärken. Dass der Öl-Preis vor Jahren eine Rallye auf zeitweise über 150 US-Dollar je Barrel hingelegt hat, lag Experten zufolge wesentlich an Spekulationen über Terminkontrakte. Ebenso der beispiellose Absturz auf zeitweise 30 US-Dollar wurde durch die Kontrakte massiv verstärkt. Dass es nun also Terminkontrakte auf den Bitcoin gibt, könnte dessen Kurs also nochmals massiv steigen lassen. Das zumindest hoffen viele Bitcoin-Fans weltweit. Andererseits könnten sie genau so gut das Instrument sein, dass die Blase zum Platzen bringt – immerhin kann man durch sie am Niedergang Millionen verdienen.

Die Frage nach dem fairen Wert des Bitcoin

Insgesamt spricht derzeit viel dafür, dass es wesentlich der Hype selbst ist, der den Hype nährt. Bei aller Spekulation stellt sich deshalb natürlich die Frage nach dem eigentlichen Wert des Bitcoins. Der allerdings ist schwer festzumachen. Der Wert aus dem eigentlich angedachten Einsatz als weltweite Transaktionswährung dürfte in Summe eher zu vernachlässigen sein. Bei den aktuell kaum mehr als 7 Transaktionen pro Sekunde, die auf der Bitcoin-Blockchain möglich sind, reichen gerade einmal, um eine kleine Provinzsparkasse abzubilden. Die hohen Kursschwankungen stellen zudem für Kunden und Händler gleichermaßen ein unkalkulierbares Risiko dar. Hinzu kommen die mittlerweile unverschämt hohen Transaktionsgebühren, die jede Geschäftsbank vor Neid erblassen lassen. Und die eingebaute Deflation, die Besitzer des Bitcoins nicht gerade zum Ausgeben verleitet.

Von Bitcoin-Enthusiasten wird daher seit Längerem der Vergleich zum Gold gezogen. Die Kryptowährung sei als “virtuelles Gold” ideal zur langfristigen Wertaufbewahrung. Hier liegt noch am Ehesten ein Ansatz, handelt es sich doch in beiden Fällen um knappe und begrenzte Güter. Das setzt allerdings einen weit verbreiteten Konsens darüber voraus, dass dieses knappe Gut wertvoll ist. Beim physischen Gold ist dieses Konsens über Jahrtausende gewachsen. Zudem hat Gold einen praktischen Nutzen als Rohstoff in der Schmuckherstellung aber auch in der Elektroindustrie. Bei einem virtuellen Gut, das keinen weiteren Nutzen als seine bloße Existenz bietet, ist so ein innerer Wert eher schwierig zu begründen.

Bleiben als Erklärungsansatz – einen positiven Nutzen des Bitcoins unterstellt – noch die Miningkosten. Das Mining von Bitcoins ist mittlerweile extrem hardware- und energieintensiv. Schätzungen zufolge liegen die Kosten für das “schürfen” eines neuen Bitcoins daher aktuell in einer Range zwischen 3.000 und 6.000 US-Dollar – deutlich unterhalb des derzeitigen Kurses. Beim physischen Gold allerdings haben die Miningkosten auch nicht immer als Untergrenze standhalten können.

Was die Wale damit zu tun haben

Es lassen sich – neben der puren Spekulation und dem oben beschriebnen Design – also keine wirklichen Gründe für die Kursrallye finden. Und wie so oft in solchen Situationen sollte man sich fragen: cui bono? Wem nützt es? Eine heiße Fährte könnten die sogenannten Wale sein. Natürlich sind damit nicht die großen Meeressäuger gemeint. Vielmehr bezeichnet es eine überschaubare Gruppe von etwa 1.000 Adressen, die 40% aller Bitcoins besitzen. Bei einer aktuellen Marktkapitalisierung des Bitcoin von insgesamt ca. 280 Milliarden US-Dollar immerhin ein Schatz im Wert von 112 Mrd. US-Dollar. Eine Million Bitcoin oder umgerechnet über 15 Milliarden US-Dollar werden allein Satoshi Nakamoto zugerechnet. Wer so viele Bitcoins besitzt, hat natürlich ein großes Interesse an einer weiteren Kursrallye. Und mittlerweile auch die Mittel, um diese über die Medien zu befeuern.

Die Frage ist nur: bleiben diese Adresse dem Bitcoin langfristig treu? Oder suchen sie am Ende den möglichst teuren Exit? Dank der Pseudonimität der Blockchain, weiß niemand genau, wer sich hinter diesen 1.000 Adressen verbirgt. Diese Intransparenz, die bei einem Börsenkonzern dieser Gewichtsklasse unvorstellbar wäre, lässt viel Raum für Spekulationen. Auf jeden Fall widerspricht diese Machtkonzentration dem Anspruch eines dezentralen Netzwerks, dass es bei näherer Betrachtung ohnehin nicht ist. Immerhin liegt der Großteil der Miningpower in der Hand weniger Pools und geografisch gesehen zu weit mehr als der Hälfte in nur einem Land: China.

EZB und Fed als andere Erklärung

Auf der Suche nach Erklärungen für die Blase gibt es aber auch noch andere Gründe – und die sich tatsächlich in der alten Finanzwelt zu finden. Nach der großen Finanzkrise 2008 haben die großen Notenbanken, allen voran die amerikanische Fed und die EZB, Billionen an Geld in die Märkte gegeben. Das sollte eigentlich die Volkswirtschaften stabilisieren, indem Unternehmen Zugang zu günstigen Krediten erhalten. Nur leider suchte sich das billige Geld seinen eigenen Weg. Und der führte nur teilweise in die Unternehmen. Der überwiegende Teil allerdings ging an die Kapitalmärkte und in andere Anlageklassen.

Die Börsen sind seitdem in permanenter Feierlaune und auch Immobilienkäufer haben die Auswirkungen des billigen Geldes zu spüren bekommen. Aber auch Oldtimer, edle Jahrgangsweise und Kunstwerke berühmter Künstler haben eine fulminante Preisrallye hinter sich. Reiche Investoren unter Anlagedruck haben auf der Suche nach Rendite auch Kryptowährungen für sich entdeckt. Ihnen geht es nicht um den Nutzen, sondern um die hohe Rendite. So lange die Zinsen niedrig bleiben und die Notenbanken Liquidität in die Märkte pumpen, dürften alle diese Investments profitieren. Das wird aber nicht auf Dauer so bleiben. Die Fed hat sich langsam aber sicher auf den Weg gemacht, die Zügel zumindest weniger schleifen zu lassen. Und auch die EZB wird sich dem nicht auf Dauer entziehen können, auch wenn einige südeuropäische Staaten hier noch blockieren.

Wie es weitergeht, steht in den Sternen

Und so stellt sich denn schon die Frage: qui vadis, Bitcoin? Eine Glaskugel habe ich nicht und letztlich ist alles möglich. Wie man zwischen den Zeilen aber gut herauslesen konnte, bin ich vom Bitcoin nicht wirklich überzeugt. Als Transaktionswährung ist er in seiner jetzigen Form völlig ungeeignet, weil zu langsam, zu volatil und zu teuer von den Transaktionsgebühren. Mit dem Lightning-Netzwerk soll das perspektivisch verbessert werden, aber bis das fertig ist, werden eher Jahre als Wochen vergehen. Andere Kryptowährungen wie z.B. IOTA sind hier schon by design besser geeignet. Allenfalls als virtuelles Gold könnte sich ein breites Konsens finden, dass der Bitcoin in irgendeiner Form wertvoll ist. Könnte, muss aber nicht.

Zudem spricht immerhin einiges dafür, dass der Bitcoin mittlerweile einfach ‘too big too fail’ ist. Bei aktuell 280 Mrd. US-Dollar Marktkapitalisierung würde ein Scheitern wohl ähnlich große Verwerfungen mit sich bringen, wie damals die Lehman-Pleite. Lehman wird sich wohl nicht mehr wiederholen, denn dafür wurden Stützungs- und Abwicklungsregeln geschaffen. Bitcoin hingegen brüstet sich ja gerade damit, unabhängig von Staaten und Notenbanken zu sein. Wer sollte ihn also im Fall der Fälle stützen?

Es sollte sich daher jeder gut überlegen, ob er oder sie jetzt noch in Bitcoin investieren will. Ja, vielleicht steht der Bitcoin in einem Jahr auch bei 500.000 US-Dollar. Ausgeschlossen ist das nicht, denn die US-Immobilienblase ist auch Jahre nach den ersten klaren Warnungen noch weiter gewachsen. Trotzdem ist sie irgendwann geplatzt. Mit viel Glück und guten Timing lässt sich bis zum Platzen der Bitcoin-Blase sicherlich auch noch gutes Geld verdienen. Wer allerdings keine Ahnung von Kryptowährungen hat, sollte aber vielleicht doch besser davon Abstand nehmen.

 

Dieser Artikel wurde zuerst hier im IT Finanzmagazin veröffentlicht.

Posted in Meinung.

Digitaler Banker | Blogger | Fintech – Experte. Ihr erreicht mich per Mail: tobias(at)aboutfintech.de oder auf Twitter: @aboutfintech

4 Comments

  1. Schöner Artikel! Ich finde die Blockchain Technik und die Idee hinter Bitcoin und Co sehr interessant. Die Kursentwicklung sehe ich als einmalige Chance und würde gerne Short investieren. Nur einen kleinen Teil, um bei einem eventuell auftretenden Vertauensverlust sehr hohe Gewinne einzufahren. Ich habe leider nirgends die Möglichkeit gefunden Short Optionen zu erwerben. Kennt jemand eine Möglichkeit? Eine WKN. Was muss man hier beachten? Ich interessiere mich für einen extremen Einbruch. Nicht für Schwankungen +-100%. Die Laufzeit sollte auch länger sein. Mir ist klar, dass das investierte Kapital sich schnell auflösen kann. Solange die Option aber besteht habe ich die Chance auf einen extremen Einbruch. Erst am Ende der Laufzeit mache verbuche ich ja den realen Verlust. Und dann kann ich neue Optionen kaufen.

  2. Hi Lazy,

    Den hatte ich auch entdeckt. Stop Loss ist nicht so schön…
    https://derinet.vontobel.com/CH/DE/Produkt/CH0389658938
    Gibt es so etwas nicht ohne? Auch ein Wert von 100000 wäre ok. Dann wäre Bitcoin ja nur um Faktor 10 gestiegen. Ich möchte auf erheblich höhere potentielle Verluste spekulieren. Was so schön steigt könnte im Falle eines enormen Vertrauensverlustes durch Krise, Hackerangriff usw.richtig abstürzen. Aber natürlich kann ich auch alles verlieren. Es soll nur ein kleiner Versuch werden. Die letzten Einbrüche hätten mich auch nicht interessiert. Mal rein hypothetisch. Kann man den short auch verkaufen wenn bitcoin von 12000 auf 120 fällt? Hat schon mal einer einen extremen Short gesetzt und Glück gehabt? Ich frage so einfache Dinge, da ich nie etwas mit Optionen mache. Apple finde ich persönlich auch überbewertet, sehe dort aber nicht die Gefahr eines weit zu anderen möglichen Absturzes. Daher würde ich die Aktie einfach nicht kaufen, aber short auf keinen Fall. Nur bei Bitcoin und auch nur wegen der extremen Steigung würde ich einmal einen Versuch platzieren. Ansonsten finde ich das Prinzip ja gut. Nur viel zu teuer. Bei Bitcoin vermute ich persönlich sehr viele zittrige Spekulanten. U.d damit ein entsprechendes Potential. Der Fall kann vielleicht nie auftreten, aber wenn doch. Ich wäre gerne mit einem kleinen Teil dabei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.