Wie die Tokenisierung eine neue Welt der Geldanlage eröffnet

Das große Potenzial der Blockchain Technologie ist bereits von zahlreichen Branchen entdeckt worden. Viele Unternehmen sind aktuell dabei spannende Use Cases zu entwickeln, aus denen in naher Zukunft vielversprechende Anwendungen entstehen sollen. Gerade die Finanzwelt sieht sich mit einer Entwicklung konfrontiert, deren Auswirkungen von einigen Experten mit der Erfindung des Internets gleichgestellt werden. Es handelt sich dabei um die Tokenisierung realer Vermögenswerte.
Ein Gastartikel von Carlos Link-Arad.

Einer Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) zufolge, werden bis 2029 ca. 10% des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) tokenisiert sein – in absoluten Zahlen beläuft sich der Wert auf geschätzte 10 Billionen US-Dollar.

Vermögenswerte, von Immobilien und Gold bis hin zu exotischen Edelmetallen oder sogar Oldtimern, die bislang schwer bzw. nur unter großen Einschränkungen auf illiquiden Märkten handelbar waren, sollen über den Einsatz der Blockchain Technologie einer großen Masse an Anlegern zugänglich gemacht werden. So lautet zumindest das Versprechen.

Für Anleger, die in einer Phase niedriger Zinsen Alternativen für ihr Geld suchen, entwickeln sich spannende Anlageformen, die eine noch breitere Diversifikation ihrer Portfolien ermöglichen werden – abseits von Sparanlagen.

Was ist eigentlich Tokenisierung?

Es ist wichtig zu verstehen, was sich genau hinter dem Begriff der „Tokenisierung“ verbirgt. Viele Menschen stellen sie mit einem neuen Finanzprodukt gleich, was nicht ganz zutrifft. Vielmehr handelt es sich bei der Tokenisierung um einen digitalen Verbriefungsprozess, bei dem Eigentumsrechte an realen Vermögenswerten digital als sogenannte Token abgebildet werden.

Dieser Prozess ist in der Welt der Blockchain nicht neu. Bitcoin, Ether oder Ripple sind als Kryptowährungen ebenfalls nur „digital“ existent. Investoren können keine Kryptowährungen physisch besitzen – sondern lediglich „digitale Eigentumsrechte“ an der jeweiligen digitalen Währung. Die Anwendung auf Vermögenswerte bringt jedoch ein sehr spannendes Use Case ins Spiel. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir das Besitzrecht an einer Immobilie in 100.000 Einheiten (Token) aufteilen könnten. Technologisch ist das ein Kinderspiel.

Das würde den Immobilienmarkt für viele Kleinanleger öffnen, die bislang noch nicht das Anfangskapital für eine komplette Immobilie auftreiben konnten. Ein 500.000 Euro-Wohnung könnte folglich in 100.000 Token abgebildet werden, von denen jeder fünf Euro wert ist. Spannend, nicht wahr?

Natürlich entstehen hier Herausforderungen, wie zum Beispiel die Synchronisierung mit dem Grundbuchamt oder der Abbildung der Nebenkostenabrechnung. Die technologische Realisierbarkeit ist jedoch existent.

Die Vorteile der Tokenisierung sind besonders offensichtlich bei Vermögenswerten, die gegenwärtig nicht elektronisch gehandelt werden – wie zum Beispiel Kunstwerke, exotische Autos (Oldtimer) oder auch GmbH-Anteile. Sie könnte die Liquidität der Märkte erheblich verbessern.

Anwendung von Blockchain auf die Finanzmärkte hat viele Vorteile

Die Bundesregierung hat 2019 die Vorteile der Blockchain Technologie für die Finanzmärkte erkannt und rechtliche Rahmen für deren Anwendung gesetzt. Bislang erfasst die erste Stufe der Tokenisierung den Bereich der Unternehmensfinanzierung mittels Schuldverschreibungen. Wann die „digitale“ Aktie kommt, ist aktuell noch nicht absehbar – es bleibt jedoch nur eine Frage der Zeit, bis sie die zweite Stufe einleitet.

Die Vorteile der Blockchain Technologie sind besonders im Anwendungsfall der Tokenisierung vielversprechend. Sie mögen zwar zunächst etwas abstrakt klingen, doch sie werden greifbarer, wenn wir sie uns einmal im Kontext der Kapitalmärkte ansehen. Wir haben die fünf wichtigsten Vorteile zusammengefasst:

Erstens werden wir eine zunehmende Disintermediation sehen, d. h. einen Abbau von Vermittlern. Theoretisch brauchen wir keine Bank, keinen Broker und keine Börse mehr, da Käufer und Verkäufer direkt miteinander interagieren können. Das spart u.a. Kosten, von denen am Ende des Tages die Anleger stark profitieren werden.

Zweitens wird durch die reduzierte Anzahl an Intermediären die Ausführungsgeschwindigkeit steigen, und die Abwicklungsdauer verkürzt. Börsenzeiten werden damit ebenfalls obsolet. Finanzprodukte können 24/7 gehandelt werden, sollte sich für jedes Angebot einen Käufer finden.

Drittens werden geografische Grenzen aufgebrochen. Jede Anlagemöglichkeit erlangt sofort eine globale Marktpräsenz. Praktisch jeder, der einen Internetzugang hat, kann sich innerhalb der jeweiligen gesetzlichen Grenzen an jeder Anlagemöglichkeit beteiligen, unabhängig von seinem Standort.

Viertens werden viele Geldanlagen von einer größeren Anzahl an Investoren profitieren. Durch die Tokenisierung und die Möglichkeit Eigentumsrechte in Token zu „stückeln“, können neue Investorensegmente erschlossen werden. Alternative Anlageklassen wir Kunst, Oldtimer oder Edelsteine können für alle zugänglich gemacht werden – und nicht nur einer Handvoll hochvermögender Individuen.

Schließlich können mit der Technologie Marktmanipulation erheblich reduziert werden, da jede Transaktion in Echtzeit transparent aufgezeichnet und mit dem Netzwerk geteilt wird. Transaktionen sind zudem unabänderlich, überprüfbar und allen Stakeholdern einschließlich der Aufsichtsbehörden jederzeit zugänglich.

Einer der Vorteile, der selten übersehen wird, liegt in der Möglichkeit ein gesamtheitlich diversifiziertes Anlageportfolio aufzubauen. Schon Markowitz hat sich für eine breite Diversifikation ausgesprochen, die bislang nur sehr „reichen“ Menschen möglich war. Mit der Demokratisierung von Anlageklassen, werden zukünftig – sobald der rechtliche Rahmen gesetzt ist – alle Anleger von der Möglichkeit profitieren können, ihr Vermögen breit zu investieren.

Beispiele der Tokenisierung aus der echten Welt

Bereits heute gibt es zahlreiche Beispiele für tokenisierte Vermögenswerte, die verschiedenste Bereiche wie Immobilien (z. B. Property Coin), Rohstoffe (z. B. Oil Coin), Diamanten (D1 Coin), Gold (Digix Coin), Kunst (z. B. Maecenas), Luxusgüter (z. B. Tend) und nationale Währungen (z. B. Tether) abdecken.

Ein relativ aktuelles Beispiel aus Deutschland kommt von Exporo, dem Marktführer für digitale Immobilieninvestments. Anleger konnten sich 2020 über digitale Wertpapiere (bzw. Token) schon ab einem Euro an einer Immobilie auf Rügen beteiligen und Teil-Eigentümer werden. In Zukunft profitieren diese von laufenden Ausschüttungen aus den Mietüberschüssen und der Wertentwicklung der Immobilie. Die niedrigen Transaktionskosten und hohe Effizienz der Beteiligung stellen die Vorteile der Tokenisierung nochmal deutlich in den Vordergrund.

Stellt euch zudem den Eigentümer einer seltenen Luxusuhr vor, der kurzfristig Liquidität benötigt: er könnte jetzt die Hälfte seiner Uhr an beliebige Interessenten (weltweit) verkaufen. Ob einer oder zehn – das Eigentumsrecht an der Uhr kann in beliebig viele Token aufgeteilt werden. Auch Startups bieten sich neue Wege an eine begehrte Finanzierung am Kapitalmarkt zu kommen. Die Tokenisierungs-Plattform vom Frankfurter Fintech Cashlink bietet eine derartige Infrastruktur an. Auf dieser können Unternehmen sehr kosteneffizient digitale Wertpapiere ausgeben – ohne den Weg über teure Notare und Banken gehen zu müssen.

Das neue Gesicht

Die Finanzwelt steht vor einem großen Wandel. Das Ökosystem wird sich verändern. Finanzdienstleister werden zukünftig ihre Rolle auf dem Markt neu definieren müssen, um bei dem Wandel nicht unterzugehen.

Besonders im Bereich der Geldanlage wird sich nicht nur für die Unternehmen, sondern gerade für die Anleger vieles ändern. Neue Investmentmöglichkeiten in Unternehmen oder alternative Anlageklassen, die bislang unzugänglich waren, werden in naher Zukunft greifbar sein.

Asset Manager müssen sich auf diese Entwicklung vorbereiten und im Zweifel auf eine Kooperationsstrategie mit Fintechs bzw. Blockchain Startups setzen, die über die entsprechenden technologischen Plattformen verfügen und die es ihnen erlauben solche Produkte zu entwickeln und anzubieten.

Über den Autor

Profilbild Carlos Link-Arad

Carlos ist Gründer von Beyond Saving, der digitalen Plattform für Finanzbildung, und verantwortet dort die Marketingaktivitäten und das Business Development. Vorher war er unter anderem in der Fintech-Strategieberatung und in der digitalen Vermögensverwaltung unterwegs, bevor er sich zur Gründung entschied. Studiert hat Carlos Wirtschaftswissenschaften und Physik an der Goethe Universität in Frankfurt und war 2016 zu Forschungszwecken an der Universität Cambridge in England.

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