Fintech Portrait – Intelligent Recommendations

Was haben ein zu schlachtender Ochse, 800 englische Jahrmarktbesucher des frühen 20. Jahrhunderts und das Hamburger FinTech-Unternehmen Intelligent Recommendations miteinander zu tun? Auf der ersten Blick nichts – und doch verbindet sie alle eine Entdeckung des britischen Naturforschers Francis Galton: die kollektive Intelligenz.

Das Experiment hinter der Idee

Wie schwer ist der geschlachtete und ausgeweidete Ochse? Im Jahre 1906 sollten 800 Besucher eines Jahrmarktes hierzu ihre Schätzung abgeben – vom Metzger über den Schausteller bis zum Kind. Und während die einzelnen Meinungen teilweise weit am Ziel vorbeischossen, so lag der Mittelwert der Schätzungen der Gruppe mit 1.207 Pfund fast haargenau am tatsächlichen Schlachtgewicht von 1.198 Pfund. Dieses Experiment wurde seit dem vielfach erfolgreich wiederholt. Diese kollektive Intelligenz mach sich macht sich das Hamburger FinTech zu nutze.

Kollektive Intelligenz sinnvoll eingesetzt

Intelligent Recommendations bietet seinen Usern drei verschiedene Mitgliedschaften an: eine kostenlose Basis-Mitgliedschaft, eine Premium-Mitgliedschaft für 9,99 Euro/Monat sowie eine Profi-Trader-Mitgliedschaft für 25,00 Euro/Monat. Jeder User muss zunächst seine Risikopräferenz nebst Anlagehorizont eingeben und dann seine Einschätzung zur optimalen Asset Allocation. Aus den vielen Einzeleinschätzungen wird dann eine „Schwarm-asset-allocation“ ermittelt – in der Hoffnung, dass die kollektive Intelligenz auch hier ins Schwarze trifft. Anschließend darf man für jede Anlage-Klasse noch eine bestimmt Anzahl an Favoriten benennen, also z.B. Amazon bei den Einzelaktien oder Kupfer bei den Rohstoffen. Daraus wird dann je nach Risikopräferenz und Anlagehorizont ein Musterdepot berechnet.

Die verschiedenen Mitgliedschaften

Free-User bilden die Basis für den Dienst. Sie bezahlen mit Ihren Meinungen und Empfehlungen, ohne die das Ganze nicht funktionieren könnte. Ihr Musterportfolio wird nur einmal monatlich aktualisiert und auch nur dann, wenn eine Empfehlung abgegeben wurde. Die Bezahl-User erhalten dagegen wöchentliche bzw. tägliche Updates – auch, ohne eine eigene Empfehlung abzugeben. Letztlich ist es also ein Freemium-Angebot wie bei Online-Spielen. Die Gratis-Anwender halten den Dienst durch ihre schiere Menge am Leben und sorgen für die Daten-Basis, während die Bezahl-Anwender von diesen Daten profitieren, dafür aber mit ihren Gebühren für die Kostendeckung sorgen.

Weitere Produkte

Auf Basis der aus der kollektiven Intelligenz entwickelten Musterportfolios werden auf Wikifolio entsprechende Zertifikate herausgegeben. Daneben wurde mit dem Intelligent Recommendations Global Growth Fund ein Publikumsfonds auf Basis der kollektiven Intelligenz aufgelegt. Das Management dieses Fonds erfolgt nicht durch einen aktiven Fondsmanager, sondern anhand der Signale, die aus der User-Basis kommen. Dabei verkauft der Fonds einzelne Werte nicht erst dann, wenn die User den Wert mehrheitlich verschmähen, sondern bereits dann, wenn das Interesse an dem Wert an Dynamik verliert. So soll versucht werden, Trends bereits zu erkennen, bevor sie sich in den Börsenkursen niedergeschlagen haben.

In der Entwicklungsphase zwischen 2009 und 2014 weist Intelligent Recommendations mit dem Konzept eine satte Outperformance gegenüber dem DAX und dem MSCI World ETF aus. Seit Auflage des auf diesem Konzept basierenden Fonds Ende 2013 hält sich diese Outperformance allerdings in Grenzen. Allerdings sind die Börsen in dieser Zeit auch sehr stark abhängig von der Politik der großen Notenbanken, so dass selbst die kollektive Intelligenz offensichtlich an ihre Grenzen stößt.

Neben Zertifikaten und dem eigenen Fonds nutzt Intelligent Recommendations die kollektive Intelligenz auch noch für Signal Services, die Entwicklung von Investmentprodukten für Dritte, einen Börsenbrief sowie für Seminare. Ein ziemlich bunter Blumenstrauß an Angeboten, in denen die von den Users generierten Daten verarbeitet werden.

Nebenbei tritt Intelligent Recommendations auch noch als klassischer Vermittler von Fonds auf. Wer sein Depot auf sie übertragen lässt, profitiert zukünftig von 0% Ausgabeaufschlag auf seine Fonds. Allerdings funktioniert das aktuell nur mit den Depotbanken Comdirect Bank, Frankfurter Fondsbank, Fondsdepotbank, DAB, Ebase.

Fazit

Der wissenschaftlich theoretische Ansatz der Intelligenz der Masse, der hinter Intelligent Recommendations steht, ist zwar mittlerweile nicht mehr so neu. Aber in wenigen Fällen wurde dieser Ansatz so stringent genutzt, um den Anlageerfolg zu erhöhen. Die Outperformance zwischen 2009 und 2013 sieht vielversprechend aus – allerdings bleibt abzuwarten, wie sich die ab 2014 daraus entwickelten Anlageprodukte jetzt in der Praxis entwickeln.

Was spricht für Intelligent Recommendations?
+ wissenschaftlich fundierter Ansatz
+ bereits nennenswerte Nutzerbasis
+ breit aufgestellte Produkt-/Angebotspalette basierend auf den gewonnenen Daten
+ Freemium-Ansatz erscheint hier vielversprechend

Was erscheint kritisch?
– Einzelne Produkte/Angebote auf der Seite schwer zu überblicken
– User Experience (UX) auf der Homepage eher unterdurchschnittlich
– keine Fokussierung auf ein oder zwei starke Angebote / zu breite Produktpalette
– Performance seit Auflage der Produkte überschaubar
– Musterportfolio kann nicht 1:1 in Zertifikat investiert werden

Zum Unternehmen

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