Code Rouge Tobias Lücke Haspa

Fintech Week: Code Rouge special

Die Meetup-Veranstaltungsreihen von 12min sind nichts für langatmige Redner: denn hier hat jeder Redner nur exakt 12 Minuten Zeit – und wird dann gnadenlos von der Hupe gestoppt. Die perfekte Bühne für junge Fintechs, um sich einem interessierten Fachpublikum zu stellen. Am 10.10.2016  fand außer der Reihe eine Special-Ausgabe des in Kooperation mit der Hamburger Sparkasse (Haspa) organisierten Meetups Code Rouge statt.

Im 4. Anlauf die 4. Location für Code Rouge

Nichts ist so beständig, wie der Wandel. Das gilt auch für die Veranstaltungsorte des Code Rouge. Nachdem die ersten Ausgaben am Adolphsplatz, am Veritaskai (Harburg) und im Mindspace stattfanden, war nun im Rahmen der Fintech Week Hamburg das betahaus im Schanzenviertel an der Reihe.

Wie bisher immer war das auch dieses Code Rouge komplett ausverkauft. Am Ende war kein Stuhl mehr frei, so dass Teile des Publikums Stehplätze einnehmen mussten – obwohl nicht alle der angemeldeten Teilnehmer vor Ort waren.

Als Speaker vor Ort waren:

Der Ablauf war immer wie folgt: ein Redner bekommt exakt 12 Minuten Zeit für den Vortrag. Im Anschluss gibt es exakt 12 Minuten für Fragen und Antworten und zwischen den Vorträgen 12 Minuten Pause – der Name  der Reihe ist also Programm.

Tobias Lücke – Haspa (Quelle: Tobias Baumgarten)

Eine kurze Einleitung in den Abend gab Tobias Lücke, Bereichsleiter des Digitalen Vertriebs der Hamburger Sparkasse. Er stellte die Haspa vor und erklärte, warum sich die Haspa auf der Fintech Week im Allgemeinen und mit dem Code Rouge im Speziellen in der Fintech-Szene engagiert. Und er kündigte für die nächste Ausgabe des Code Rouge am 27.10. seinen Vorstandsvorsitzenden Dr. Harald Vogelsang als einen der drei Referenten an. Wir dürfen also gespannt sein.

Intelligentes Forderungsmanagement

Den ersten Pitch dieses Abends hatte allerdings Mirko Krauel, der CEO von Collect AI. Das Hamburger Startup ist in einem Randbereich der Fintech-Szene tätig: dem Forderungsmanagement bis hin zum Inkasso. Damit steht sein Unternehmen irgendwo an der Schnittstelle zum Handel. Der hat mit dem stetigen Wachstum des eCommerce immer stärker das Problem, dass er seine Waren nicht mehr gegen Cash an der Ladenkasse verkauft, sondern im Internet gegen Rechnung oder Lastschrift. Beide Zahlverfahren bergen für den Händler allerdings das Risiko, dass sie zwar die Waren verschicken, aber die Bezahlung nicht erfolgt. Und hier kommt Collect AI ins Spiel.

Code Rouge Mirko Krauel

Mirko Krauel von Collect AI (Quelle: Tobias Baumgarten)

Die Zeiten von “Russland Inkasso” seien – zum Glück – vorbei. Diese auf Einschüchterung basierende Form des Inkassos war auch nicht erfolgreicher, als anderen Methoden. Dafür hatte sie aber auch den großen Nachteil, dass die Kundenbeziehung sicherlich stark darunter gelitten hat. Händler haben zwar ein existenzielles Interesse daran, die Bezahlung für ihre Waren zu erhalten. Aber eben auch ein großes Interesse daran, ihre Kunden im hart umkämpften Wettbewerb zu behalten. Deshalb ist auch im Inkasso Fingerspitzengefühl angesagt.

Collect AI nutzt dafür künstliche Intelligenz. Der Algorithmus probiert dabei z.B. aus, zu welchen Uhrzeiten man welche Kunden am besten kontaktieren sollte, welcher Ansprachekanal zu welchem Kunden passt und wann welche Tonalität gefordert ist. Der Algorithmus lernt nach und nach aus dem Kundenverhalten und erhöht so sukzessive seine Erfolgschancen.

Wegen der starken Bedeutung der KI, sind in seiner Firma zwei Berufsbilder sehr gefragt: der KI-Magier und der KI-Dompteur. Der Magier hat die Aufgabe, eine KI zu entwickeln und zu trainieren. Und sie dann Stück für Stück weiterzuentwicklen. Dem Dompteur dagegen kommt die Aufgabe zu, die KI zu bändigen. Denn nicht alles, was erfolgversprechend ist im Sinne des Eintreibens der Forderung, ist im Sinne der Kundenbindung auch gewünscht. Zudem wacht der Dompteur auch über ethische Ansprüche, z.B. dass keine Minderjährigen kontaktiert oder Menschen nicht mitten in der Nacht angerufen werden.

Die KI wird übrigens über Rewards angelernt. Dabei erhält sie im Rahmen eines Punktesystems umso mehr Punkte, je näher sie an eine Zahlung des Kunden heran kommt. Das geht vom Öffnen der Mahnmail über das Klicken des Links und das Aufrufen der Landingpage bis hin zur Zahlung. Die KI versucht nun, mit der Zeit immer mehr Punkte in diesem “Spiel” zu erreichen – und der Dompteur hält sich dabei in der Bahn.

Die Marge – worauf Insurtechs achten müssen

Danach war Christoph Sieciechowisz vom German Crowdsourcing Network e.V. an der Reihe. Anders als vermutet berichtete er allerdings nicht über die verschiedenen Spielarten des Crowdfundings. Stattdessen beschäftigte er sich mit einem Thema, dass auf der Fintech Week derzeit von als Randthema mit dabei ist: mit den Insurtechs.

Code Rouge Christoph Sieciechowicz

Christoph Sieciechowicz (Quelle: Tobias Baumgarten)

Sein Vortrag startete allerdings erstmal sehr allgemein gehalten mit dem Thema Marge. Viele Startups würden sich mit diesem Thema viel zu wenig beschäftigen. Sie suchten vielmals ausschließlich das Umsatzwachstum und nähmen dabei leichtfertig oftmals negative Margen in Kauf. Sie arbeiteten dabei oftmals nach dem Motto: “Wir verlieren zwar bei jeden Geschäft ein wenig Geld, aber wenn wir das Geschäft nur genug skalieren, wird das schon.”. Das sei ein gefährlicher Ansatz.

Für Insurtechs wichtiges Wissen: Versicherung unterscheiden zwischen Alpha- (Vertriebs-), Beta- (Verwaltungs-) und Gammakosten (Schadenskosten). An den beiden letztgenannten Kosten könnten die meisten Insurtechs derzeit noch wenig ändern. Aber bei den Vertriebskosten sei eine Menge möglich. Wichtig sei dabei allerdings, dass die Startups den Versicherern echtes Neugeschäft verschaffen. Einige Insurtechs dagegen seien eigentlich nichts anderes als digitalisierte Versicherungsmakler, die lediglich bestehende Verträge umdecken – was den Versicherern so gar nicht gefalle.

Wenn es Insurtechs allerdings schaffen, die Vertriebskosten zu senken, gleichzeitig die Beratungsqualität zu erhöhen und echtes Neugeschäft zu generieren, dann seien sie ‘Versicherers Liebling’. Und das sei die meistversprechende Möglichkeit, denn gegen die Versicherer zu arbeiten, sei keine gute Idee. Die hätten so viele Lobbyisten und Geld, dass man den Kampf eigentlich nur verlieren könne. Wer dagegen mit den Versicherern kooperiere, könne sehr wohl erfolgreich werden.

Mein absolutes Highlight des Abends was Christophs persönlicher Rückblick auf die dotcom-Blase zur Jahrtausendwende: “Ich war zu jung, zu dumm und ohne kriminelle Energie – einiges davon hat sich geändert.”

Blockchain und Bitcoin

Der letzte Sprecher des Abends war wirklich nicht zu beneiden. Eigentlich sollte an dieser Stelle Lars Böhnke von der Pay GmbH einen Vortrag über Blockchain und Bitcoin halten. Dazu kam es aber leider nicht, weil Lars kurzfristig krankheitsbedingt absagen musste. Und so kam sein Kollege Jonathan Bergen spontan und weitgehend unvorbereitet zu diesem Vortrag wie die Jungfrau zum Kinde.

Code Rouge Jonathan Bergen

Jonathan Bergen (Quelle: Tobias Baumgarten)

Und so musste Jonathan ordentlich freestylen – und das tat er dann auch. Auf seine Frage in den Saal, wer denn alles Bitcoin besäße, meldeten sich überraschenderweise gerade einmal 5 oder 6 Teilnehmer – den Autor dieser Zeilen eingeschlossen. Bitcoin und Blockchain sind zwar in aller Munde, aber in kaum einer Wallet. Auf die anschließende Frage, wer von diesen Wenigen denn schon einmal mit Bitcoin bezahlt habe, regten sich dann noch weniger Finger.

Das bestätigte Forschungsergebnisse der Wissenschaft zu diesem Thema (siehe mein Bericht von der Digital Finance Berlin Konferenz), denen zufolge Bitcoin hauptsächlich als Spekulationsobjekt genutzt wird, aber nicht zum Bezahlen. PEY will das ändern und hat deshalb ein Bezahlterminal entwickelt, mit dem Händler Zahlungen per Bitcoin direkt am POS akzeptieren können. In Hannover waren sie damit zeitweise sehr erfolgreich.

Dort waren einige Kneipen Kunden von PEY – was den Kneipen zumindest einige Medienpräsenz bescherte und Payment-Nerds als Kunden angelockt hat. Ein echter Durchbruch lässt aber trotz des Einsatzes von Jonathan und seinen Kollegen weiterhin auf sich warten – was wohl weniger an PEY, als vielmehr an den grundsätzlich etwas umständlichen Handling von Bitcoin liegt.

Raum und Zeit für Networking

Im Anschluss an die drei Vorträge gab es viel Zeit und Raum für’s Netzwerken, Kennenlernen und Small Talk, wovon auch zahlreich und ausdauernd Gebrauch gemacht wurde.

Insgesamt war es erneut eine gelungene Veranstaltung der jungen Code Rouge Vortragsreihe, deren reguläre 4. Auflage übrigens am 27.10.2016 stattfindet. Wer mit dabei sein will, kann sich hier anmelden.

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