Fintech-Event: 16. Norddeutscher Bankentag

Der Norddeutsche Bankentag der Leuphana Universität Lüneburg gehört in seiner nunmehr 16. Auflage zu den Institutionen der Bankenkongresse im Norden. Warum ich trotzdem davon berichte? Ganz einfach: das Thema der diesjährigen Auflage lautete “Digitalisierung – (R)Evolution der Kreditwirtschaft” – und das Thema “Fintech” war damit allgegenwärtig.

Norddeutscher Bankentag mit Tradition

Auch wenn es die Leuphana Universität Lüneburg noch gar nicht so lange unter diesem Namen gibt, so hat doch der Norddeutsche Bankentag in seinem 16. Jahr mittlerweile schon eine gewisse Tradition. Nach eigenem Verständnis und Anspruch richtet sich die vom Bankenlehrstuhl organisierte Veranstaltung vorrangig an Führungskräfte und Entscheidungsträger aus Banken – was sich trotz sommerlicher Temperaturen auch im vorherrschenden Dresscode ablesen lies. Unter den gut 140 Teilnehmern waren denn auch nur wenige Frauen, wenige Studierende und – abgesehen von einem Referenten – keinen Vertreter aus der Fintech-Szene. Die (R)Evolution der Banken fand also (fast) unter Ausschluss der Revolutionäre aus.

Bundesbank sieht Digitalisierung als Top-Vorstands-Thema

Dafür waren aber sehr interessante Referenten geladen – z.B. der Bundesbank-Vorstand Dr. Andreas Dombret, der in seiner Rede die Konsequenzen der Digitalisierung für Banken und die Bankenaufsicht näher unter die Lupe nahm. Dombret referierte zunächst über den allgemeinen Trend zur Digitalisierung und wies darauf hin, dass digitale Angebote auch in Deutschland schon weit verbreitet sind – obwohl wir international nur im Mittelfeld mitspielen. Und die Banken müssten im Rahmen der Digitalisierung noch beweisen, dass sie weiterhin profitabel und sicher bleiben können.

Eine Herausforderung sei dabei, innovative Ideen nicht zu verschlafen ohne dabei zu viel Geld in Innovationen zu investieren, die sich am Ende nicht durchsetzen. Auch sei die konkrete Umsetzung in Implementation neuer Technologien alles andere als trivial. So habe die Blockchain das Potential, viele Vorgänge günstiger und schneller abzuwickeln – andererseits müssten erst einmal entsprechende Anwendungen geschaffen werden.

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Die Digitalisierung und auch die IT-Sicherheit sind für Dombret Themen, die als vordringliche Themen auf der Agenda des Vorstands stehen müssen. Denn bei allen Chancen, welche die Digitalisierung mit sich bringt, sieht er auch steigende Risiken durch Cyberattacken. IT- und Cyber-Sicherheit seien daher in 2016 eines der Schwerpunktthemen der europäischen Bankenaufsicht. Wichtig ist der Aufsicht dabei besonders, dass für alle Cyberrisken Verantwortlichkeiten fixiert sind, damit erkannte Risiken schnell behoben werden. Auch bei Auslagerungen technischer Funktionen bleibt weiterhin die Bank verantwortlich für die Sicherheit.

Dombret wiederholte abermals seine Absage an eine regulatorische Sandkiste: der Grundsatz “same business, same risk, same rules” gelte auch weiter. Die Regulierung solle neutral sein und weder Banken vor Wettbewerb schützen, noch Fintech einen Vorteil bei Innovationen sichern. Stattdessen soll die Regulierung der Volkswirtschaft in Gänze dienen. Dennoch musste er in er Fragerunde eingestehen, dass auch die Aufsicht noch lernen muss und insbesondere im Bereich Robo Advice einiges im Graubereich der Regulierung laufe. Ein level playing field, also faire Wettbewerbsbedingungen für alle gebe es hier momentan eventuell nicht.

DZ Bank hat Chief Destruction Officer

Dann war mit Thomas Ullrich der Vorstand des genossenschaftlichen Spitzeninstituts DZ Bank an der Reihe. Mit dem “KundenFokus 2020” stellte er die digitale Agenda seines Hauses vor, mit der die Bank ihren Kunden ein konsistentes Onmikanal-Erlebnis bescheren will. Aber nicht nur auf der Kundenseite, sondern auch bei den internen Prozessen setzt die DZ Bank auf die Digitalisierung. So präsentierte er die digitale Personalplattform My HR-Portal, auf der die Mitarbeiter der Bank ihr Stundenkonto ebenso abrufen können, wie das Urlaubskonto, die Personalakte oder die letzten Gehaltsabrechnungen. Die Personalabteilung konnte damit spürbar entlastet und langfristig Personalkosten eingespart werden.

Daneben wies Ullrich auf die vielfältigen Aktivitäten der genossenschaftlichen Gruppe im Bereich der Digitalisierung hin. So zum Beispiel auf den Hackathon, bei dem die DZ Bank immerhin 5 der 12 Final-Ideen beigesteuert hat. Zudem gibt es ein eigenes Trendscouting-Team, in dem 13 Nachwuchskräfte – überwiegend aus dem dualen Studium – als Trendscouts agieren. Darunter gibt es dann auch den Chief Destruction Officer, der bestehende Prozesse hinterfragen – und notfalls disruptiv neu denken soll.

Sparkasse Holstein sieht Bedeutungsverlust der Filialen

Nach den Genossen durfte dann mit Dr. Martin Lüder der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Holstein ran – einer mittelgroßen Sparkasse, deren Geschäftsgebiet quer durch Holstein von Hamburg bis zur Ostseeküste reicht. In seinem Vortrag setzte er sehr stark auf Zahlen, um seine Aussagen zu untermauern.

So wies er unter anderem darauf hin, dass seine Sparkasse jedes Jahr etwa 25 Millionen Kundenkontakte hätte – und davon gerade einmal 77.000 Beratungsgespräche in den Filialen. Mobile und Online stünden dagegen für ca. 12 Millionen Kontakte, die bei den tendenziell ja eher älteren Sparkassenkunden weiterhin beliebten SB-Geräte von Geldautomaten, Kontoauszugsdrucker und SB-Terminal immerhin für über 11 Millionen.

Und das sei unter Kostengesichtspunkten auch gut so. Und die Sparkasse Holstein forciert diese Entwicklung auch durch seine Preispolitik: so kostet eine beleghafte Überweisung immerhin stolze 2,50 Euro – da können Postbank-Kunden mit den 99 Cent noch froh sein. Mit dem elektronischen Kontoauszug konnte die Sparkasse die Zahl der gedruckten Kontoauszzüge um 22% senken – die Anzahl der Kontoauszugsdrucker wurde sogar um 40% reduziert.

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Marketing-Kampagnen werden im Hause von Herrn Dr. Lüder daher auch Mobile-/Online first geplant. Die erste Ansprache erfolgt über das elektronische Postfach in Online- und Mobile Banking. Reagiert ein Kunde hierauf nicht, erfolgt die nächste Ansprache – soweit genutzt – über die SB-Geräte. Erst wenn auch hier keine Reaktion kommt, folgen E-Mailing und ggfs. Post-Mailings, wobei auch hier digital first gilt. Immerhin koste eine E-Mail nur ca. 1,5 Cent während ein Brief um einen Euro liege – jeweils unter Vollkostengesichtspunkten. Das mit 4,05 Euro dagegen teure Call-Center komme nur dann zum Einsatz, wenn alle anderen Aktionen nicht fruchteten.

Consors sieht sich als Gewinner der Digitalisierung

Nach diese drei eher seriös-trockenen Beiträgen kam der beste Referent des Tages: Kai Friedrich von der Consorsbank – oder doch von der DAB Bank? Irgendwie dann doch beides – übernimmt und integriert sich die Consorsbank gerade die DAB. Friedrich sieht die Direktbanken ganz selbstbewusst als die Gewinner der Digitalisierung.

Und er hatte sichtlich Spaß in dieser Rolle. In einem launigen Vortrag referierte er offen über seine Sicht der Digitalisierung und stichelte immer wieder mit Freude gegen die Comdirect, die im Prinzip das Design und die Ideen der Consorsbank kopiere – was er als Kompliment nahm.

Spannend waren die vielfältigen Angebote, mit denen Consors ihre Kunden zu Wort kommen lässt – und ihnen damit digital gefühlt näher kommt, als es so manche Filialbank tut. Mit einer Community, die mit Foren, Kundenrezensionen, Finanzwiki und Gamification-Elementen ein eigenes kleines Ökosystem schafft. Gerade die Kundenrezensionen seien von seinen älteren Kollegen mit großen Vorbehalten aufgenommen worden: ‘Die Kunden könnten ja was Negatives schreiben’ – ‘Ja, das werden sie!’. Die Frage sei halt immer, was man aus diesem Feedback mache.

Auch die Ideenplattform und die Gamification-Elemente würden gut angenommen. Gamification im Bankenumfeld? Ja, das sei nötig, um die Community-Mitglieder zu motivieren. Wo die Fidor Bank in der Community auf (kleine) finanzielle Anreize, baut Consors darauf, dass sich die Mitglieder einbringen, um kleine Badges zu bekommen. Anders herum sei es für Kunden wertvoller, wenn eine Produktrezension von einem “Top-Rezensenten” komme.

Die Consorsbank, die nach anfänglicher Selbständigkeit mittlerweile Teil der BNP Paribas-Gruppe ist, sieht Kai Friedrich gut aufgestellt. Während klassische Banken sowohl beim Geschäftsvolumen als auch beim Gewinn kaum noch wachsen, konnten die Direktbanken im Betrachtungszeitraum im Schnitt um 11% wachsen. Da sei auch Consors gut dabei: zwar sei die Cost-Income-Ratio nicht so gut wie der der ING-Diba, die mit 0,4 außergewöhnlich stark ist. Aber trotz massiver Investitionen in Wachstum sei man deutlich besser als die 0,8, die man von Sparkassen und Volksbanken gewohnt ist.

Lendico will gern mit Banken kooperieren

Den Abschluss des Tages machte dann der einzige Fintech-Vertreter der gesamten Runde: Dr. Christoph Samwer, Co-Founder und Geschäftsführer des Rocket-Internet-Startups Lendico. Der berühmte Name ist dabei kein Zufall: er ist ein Cousin der drei berühmt-berüchtigten Samwer-Brüder, den Gründern von Rocket Internet.

Charmant referierte er über den neuen Spirit, der in den innovativen Fintech-Startups herrsche, aber auch darüber, wie sehr und wie schnell sich die Kunden und deren Verhalten verändert habe. Die Adaptionszeiten neuer Technologieren und Produkte sei innerhalb der letzten Jahrzehnte dramatisch gesunken – von 50 – 70 Jahren beim Telefon hin zu 2 Jahren bei Diensten wie Facebook.

Er warb – wie so viele Fintechs – dafür, dass Banken sie nicht nur als Konkurrenz ansehen sollten, sondern auch als potentielle Partner. Lendico arbeite z.B. in Brasilien erfolgreich mit einer großen Filialbank zusammen. Diese hat keine Ahnung vom Online-Geschäft – dafür aber viele Kunden, die wiederum Lendico fehlen. In Deutschland sei man an der Commerzbank dran gewesen – die habe sich dann aber entschieden, es doch selbst zu versuchen. Die Befürchtung vieler Banken, dass sich Fintechs zu einer Art Superfintech zusammenschließen könnten und dann eine noch größere Bedrohung für die Banken würden, sieht Samwer nicht.

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Im Moment sei gerade das unbundling im Trend und Fintechs würden wesentlich an den Rändern knabbern. Auf Nachfrage sieht er das aber nur, wenn man auf Fusionen über verschiedene Themenbereiche betrachtet. Innerhalb der einzelnen Segmente sehe das anders aus: gerade in seinem Segment gebe es aktuell zu viele Anbieter – und weil Marktplätze erfahrungsgemäß immer zu Monopolen oder Oligopolen streben (siehe eBay / Amazon), sieht er im Bereich der Kreditmarktplätze europaweit nur Platz für 5 – 7 große Player.

Digitalisierung – ohne Hashtag

Mit seinem Vortrag endete dann eine überraschend gute Veranstaltung mit sehr unterschiedlichen Referenten, die sich aber sehr gut ergänzten. Im Anschluss war noch Zeit für das Networking – da viele Teilnehmer aber eine längere Anreise in die Provinz hatten, verlief sich das Teilnehmerfeld aber recht schnell.

Fun Fact am Rande: obwohl der Norddeutsche Bankentag ganz im Zeichen der Digitalisierung stand, gab es keinen offiziellen Hashtag. Was aber insofern in Ordnung war, als dass neben mir wohl nur die wenigen teilnehmenden Studierenden eine Ahnung davon hatten, wie dieses ominöse Twitter funktioniert 😉

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